Wie ich schon in meinem allgemeinen Beitrag zu outdoor-Kleidung angedeutet habe, muß ich beim Wort „Funktionsunterwäsche“ immer schmunzeln. … könnte ja auch eine neutralere Umschreibung für Pampers sein, oder? Denn die haben ganz eindeutig besondere Funktionen zu erfüllen.

Was funktioniert bei Wäsche wie?

Bei Unterwäsche ist das natürlich auch so, nur „dezenter“. Deren Funktion ist als erstes, unsere Hautoberfläche von der groberen Oberkleidung zu trennen, und das z.T. auch an sehr intimen Stellen. Außerdem soll sie einen Teil der Wärmeregulierung unterstützen, also bei Kälte zur Isolierung beitragen und bei Wärme ? … naja, vielleicht nicht zuviel davon auf die Haut durchlassen. Das übernimmt Unterwäsche gemeinsam mit der Oberwäsche, und wir steuern das durch die Auswahl wettergerechter Kombinationen.

Ein weiterer wichtige Aufgabe ist die Unterstützung der Haut als Austausch-Organ, insbesondere als Ausscheidungsorgan. Wir geben ständig Schweiß ab und darüber diverse Stoffwechsel-Endprodukte wie Wasser, Salze und Harnstoff, aber auch Hormone und Gifte (z.B. Alkohol). Die Unterwäsche soll diese aufnehmen, vom Körper wegleiten und zumindest den flüssigen Anteil verdunsten helfen, die festen oder gelösten Bestandteile bleiben dann in der Wäsche hängen. Dazu kommen noch abgestoßene Körperzellen wie Hautschuppen. Im Intimbereich treten in geringen Mengen weitere Stoffe aus dem Körper aus, die ebenfalls aufgefangen werden sollen. Insofern ist der Pampers-Vergleich doch relativ zutreffend.

Diese Aufgaben erfüllt jede Unterwäsche – wofür dann der Zusatz „Funktion“? Vielleicht, weil er ein verkaufsförderndes Schlagwort ist, um höhere Preise zu rechtfertigen?

Körperfunktionen und die passende Wäsche

Zunächst erstmal „funktionierenwir – mit höheren Leistungen beim Wandern, Radfahren, Kanupaddeln, Klettern.. Und das regt den Stoffumsatz unseres Körpers an, die Ausscheidung über die Haut wird stärker. Zum Einen, weil wir anfangen zu schwitzen, um die stärkere Eigenwärme-Erzeugung abzustrahlen und die Körpertemperatur zu regulieren. Zum Anderen, weil vermehrt Stoffe verarbeitet werden und Abprodukte entstehen. Diese müssen raus, um den Körper nicht zu vergiften oder auch schlicht, den Stoffstrom aufrecht zu erhalten.

Insofern wird für unsere gesteigerte Funktion eine größere Aufnahmefähigkeit und z.T. auch Leitfähigkeit von der Unterwäsche erwartet. Man könnte vielleicht zutreffender „Funktionsunterstützungsunterwäsche“ dazu sagen. Naja, das ist dann wohl weniger verkaufsfördernd.

Erschwerend kommt für unsere „Funktionsunterstützungsunterwäsche“ noch eine besondere Herausforderung dazu, daß ist der Winter. Wenn es draußen kalt ist, benötigen wir bereits Unterstützung bei einer normalen Körperfunktion. Wir müssen aktiv unsere Körperwärme erhalten und brauchen zusätzliche Isolierung dafür. Gleichzeitig wird die Schweiß-Ableitung von der Hautoberfläche umso wichtiger, da sonst durch Verdunstung zusätzliche Kühlung erfolgt und wir noch schneller frieren. Und das ist beim Wechsel von Aktivität und Pausen in der kalten Winterluft besonders unangenehm. Deshalb haben sich pfiffige Menschen Gedanken gemacht, wie Unterwäsche beschaffen sein muß, die diese Funktionen besser erfüllt als normale Schlüpper für den Hausgebrauch. Eine „Funktionsverstärkungsunterwäsche“ gewissermaßen. Sie sind dabei zu verschiedenen Lösungen gekommen.

Unterwäsche – „Technik“

Die eine Lösung besteht aus Chemiefasern. Damit können kundige Mitmenschen ziemlich viel. Es ist eine potentes Ausgangsmaterial, welches mit raffinierter Technik und Beeinflussung durch andere Chemie fast schon Wunder hervorzaubern kann. Leider Wunder mit Nebenwirkungen, darauf bin ich an anderer Stelle bereits eingegangen. Jedenfalls möchte ich keine Chemie auf meiner Haut tragen, schon gar nicht, wenn diese als Stoffwechselorgan besonders gefordert ist.

Die andere Lösung sind Naturfasern. Bei normaler Unterwäsche ist das meist Baumwolle, z.T. auch Naturseide, eine Faser, die aus dem aufgewickelten Kokon von Seidenraupen gewonnen wird. Doch diese Fasern sind immer relativ gleichartig. Es gibt wohl bisher kaum spezielle Sorten, die die besonderen Unterwäsche-Funktionen verstärken und unterstützen können.

Wollherkunft und Wollproduktion

Funktions-Unterwäsche Wollherkunft
Wollträger

Aber Wolle kommt ja von verschiedenen Fellträgern – wie wir früher selbst welche waren. Und diese Fellträger wohnen in den verschiedensten Regionen dieser Erde, müssen sich also an die unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen anpassen. Deshalb wurden auch felltragende Tiere gefunden, deren Wolle bei richtiger Verarbeitung die gewünschte Funktions-Verstärkung leisten kann. Und das sind die Merino-Schafe. Deren besonders strukturierte Wolle sorgt genau dafür, daß wir unseren Wärmehaushalt auch unter schwierigeren Wettersituationen besser in den Griff bekommen und die Körperflüssigkeiten besser abgeleitet bzw. aufgenommen werden. Dazu kommt noch der erfreuliche Effekt, daß diese stoffwechselendproduktgetränkte Wolle nicht so schnell anfängt zu müffeln, wie das bei normaler Baumwolle oder Chemiefasern der Fall wäre. Also ein idealer Rohstoff für unsere gewünschte Funktionswäsche.

Der Haken steigender Nachfrage bei begrenzten Ressourcen

Leider hat das mit den Rohstoffen immer so einen Haken. Wenn die Nachfrage steigt, werden die knapp und entsprechen teurer. Und wenn die Nachfrage trotzdem weiter steigt, macht das profitabelste Geschäft derjenige, der am Meisten davon auf den Markt bringen kann. Das verführt dann zu Überlegungen, wie die Produktion maximal erhöht werden kann – möglichst ohne unnötige Zusatzkosten. Leider ist das auch bei den Merino-Schafen so.

Die Lösung war, daß durch Züchtung die Haut der Schafe vergrößert wurde und in vielen Falten an den Tieren hängt, damit möglichst viel Wolle an jedem einzelnen Schaf wächst. In der Folge schlug die Haut überall am ganzen Schaf Falten, so auch in der After-Region. Das führt dann leider dazu, daß dort die Wolle mit Kot verklebt und verdreckt. In diesem Filz legen Myiasis-Fliegen ihre Eier ab und deren Maden gedeihen prächtig. Die Schafe erkranken und können sterben. Sowas wünscht sich ein gewinnorientierter Schafhalter nicht. Deshalb wird schon den Lämmern in der Afterregion die ganze Haut vorsorglich abgezogen und der Schwanz kupiert. Ohne Betäubung oder Schmerzmitteln wohlgemerkt! Diese umstrittene Haltungsmethode nennt sich mulesing.

Für naturverbundene outdoor-Freunde ist so eine tierquälerische Haltung sicher nicht akzeptabel. Leider ist dieses Problem noch viel zu wenig bekannt und wird noch nicht durch Verbote und Kontrollen geächtet. Was aber tun? Dann doch lieber den eigenen Körper vergiften und Chemie-Unterwäsche tragen?

Überlegungen zum Wäsche- Einsatz

Zunächst ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, wann und wo, bei welcher Gelegenheit Funktionswäsche überhaupt erforderlich sein mag. Für die meisten Tage im Jahr reicht normale Baumwoll-Wäsche völlig aus. Wie oben geschildert, werden die verstärkten Funktionen ja vor allem im winterlichen Klima abgerufen. Gerade im Sommer gibt es dagegen oft die Gelegenheit, die Wäsche auch mal schnell an einem Bach oder See oder im Waschbecken der Hütte durchzuspülen und auf die Leine zu hängen, dann ist die am nächsten Tag wieder trocken und einsatzbereit und die verdächtigen Gerüche bleiben aus.

Aufgrund der besonderen Eigenschaften ist Funktionswäsche aus Merino-Wolle natürlich auch im Sommer angenehm. Die Wolle temperiert gut und nimmt den Schweiß auf, was ja besonders an warmen Tagen angenehm ist. Hast Du keine Gelegenheit, Deine Wäsche durch eine schnelle Spülung regelmäßig aufzufrischen, dann hilft Dir die Merino-Kleidung trotz schweißtreibender Aktivitäten, ein einigermaßen angenehmes Odor gegenüber Deinen Mitmenschen zu verströmen. Deshalb nutzen viele diese Kleidung auch im Sommer. Hierbei solltest Du aber weiterhin abwägen – bist Du mit schwerem Gepäck im Rucksack unterwegs, hält die Wollkleidung dem starken Abrieb und der mechanischen Beanspruchung unter den Rucksack-Riemen nicht allzu lange stand.

Viele Hersteller und entsprechend die Kunden entscheiden sich zum Kompromiß der Mischfaser mit Polyester o.ä. Meines Erachtens nach ist es dann besser, billigere Bio-Baumwoll-Shirts zu tragen anstatt der hochpreisigen Merino-Funktionswäsche. Im Winter ist der Verschleiß nicht ganz so drastisch, da die direkte mechanische Belastung durch mehrere Bekleidungsschichten, insbesondere durch robuste Außenkleidung, stark gedämpft wird. Also lohnen Merino- Shirts im Sommer nur dann, wenn Du keinen Rucksack o.ä. durch die Gegend trägst.

Merino-Wäsche ethisch produziert

Funktionsunterwäsche Rohstoff-Quellen

Ansonsten ist es wichtig, darauf zu achten, daß die Herkunft der Merino-Wolle genau dargestellt ist und die Hersteller eindeutig bestätigen, daß sie keine Wolle aus mulesing– Haltung verarbeiten. Einige Marken tun das, z.T. mit eigenen Verzichtserklärungen und Verhaltenskodex oder mit Label von Tierschutz-Organisationen. Klar, diese Wolle ist dann wieder teurer. Umso wichtiger ist es, den Einsatz gründlich zu bedenken und abzuwägen. Vielleicht reichen ja ein, zwei Stücke davon im Gepäck für die besonderen Situationen völlig aus. Es sind doch die wenigsten, die im Winter tagelang in die Berge ziehen und dort Höchstleistungen vollbringen. Ein Stück mehr Bewußtsein für das tatsächlich Notwendige kann knappe Ressourcen schonen helfen, unsere Bedürfnisse und das Tierwohl in Einklang bringen und grausame Spitzen der Wirtschaftsentwicklung überflüssig machen.